Trotz Sparkurs: Konzert und Theater präsentiert mit «Grenzgänge» eine mutige neue Spielsaison
Von Astrid Nakhostin
Theaterchef Jan Henric Bogen präsentierte zusammen mit seinem Leitungsteam die Spielsaison 2026/2027
Von Astrid Nakhostin
Bühne Mit einer Mischung aus gesellschaftlich brisanten Stoffen, grossen Opernklassikern und internationalen Tanzproduktionen startet Konzert und Theater St. Gallen in die Saison 2026/27. Trotz Sparmassnahmen will die Institution an ihrem kulturellen Auftrag festhalten – und setzt bewusst auf «Grenzgänge». Intendant Jan Henric Bogen eröffnete vergangene Woche die Medienkonferenz zur bevorstehenden Spielsaison mit einem deutlichen Hinweis darauf, dass das Motto nicht zufällig gewählt wurde. «Wir wollten uns mit dem Thema Grenzen, dem Drinnen und Draussen, der Abgrenzung und der Grenzüberwindung auseinandersetzen», erklärte er. Dabei gehe es nicht nur um politische Entwicklungen und gesellschaftliche Spannungen, sondern auch um moralische Fragen, künstlerische Experimente und letztlich um finanzielle Grenzen.
Denn auch die Genossenschaft Konzert und Theater St. Gallen bleibt vom städtischen Sparprogramm nicht verschont: Ab Januar 2027 werden die öffentlichen Beiträge um jährlich 500 000 Franken gekürzt. Bereits in der kommenden Saison fehlen dem Haus 250 000 Franken. Für eine Institution mit langfristigen Produktions- und Vertragsplanungen ist das eine erhebliche Herausforderung. Die kaufmännische Leiterin Susanne Steinbock machte deutlich, dass die Auswirkungen bereits spürbar sind. «Unser Ziel ist es, die Qualität und die Vielfalt unseres künstlerischen Angebots auch in Zukunft so umfassend wie bisher zu erhalten», sagte sie. Deshalb wolle man zunächst nicht bei Produktionen kürzen, sondern vor allem die Einnahmen steigern und interne Abläufe effizienter gestalten.
Konkret bedeutet das höhere Ticketpreise. In Oper, Schauspiel, Tanz und Konzert steigen die Preise um fünf Franken pro Kategorie, bei Musicals und Festspielen um zehn Franken. Gleichzeitig vereinfacht das Haus seine Preisstruktur und reduziert die bisherigen drei Kategorien auf zwei. Steinbock betonte jedoch mehrfach, dass niederschwellige Angebote erhalten bleiben sollen. Familienproduktionen werden nicht verteuert, ausserdem gelten weiterhin vergünstigte Tickets für junge Menschen. Neben den Preisanpassungen setzt das Haus verstärkt auf Digitalisierung und neue Einnahmequellen. Ein neues Ticketing-System wurde bereits eingeführt. Zusätzlich schafft Konzert und Theater St. Gallen eine neue Stelle für Sponsoring und Partnerschaften. Hintergrund ist die zunehmend schwierige Suche nach privaten Geldgebern und Stiftungsgeldern.
Trotz des finanziellen Drucks präsentierte Jan Henric Bogen mit seinem Leitungsteam eine ausgesprochen ambitionierte Saison. Im Konzertbereich übernimmt Pietro Rizzo offiziell die Leitung als neuer Chefdirigent. Geplant sind zehn Tonhalle-Konzerte sowie zahlreiche Zusatzformate. Zu den Höhepunkten gehören Beethovens9. Symphonie anlässlich des Beethoven-Gedenkjahres sowie Bachs Weihnachtsoratorium in derAdventszeit. Daneben stehen Werke von Tschaikowski, Mendelssohn, Sibelius oder Scrjabin auf dem Programm. Rizzo kündigte eineSaison an, die Bekanntes mit weniger häufig gespielten Werken verbinden soll. «Ich hoffe, es wird dem Publikum gefallen», sagte er. Besonders wichtig sei ihm ausserdem die Nachwuchsförderung. So wirderstmals ein «Side-by-side-Konzert» mit dem Jugendsinfonieorchester St. Gallen stattfinden, bei dem Profis gemeinsam mit jungen Musikerinnen und Musikern auftreten. Auch Familien- und Jugendangebote bleiben ein wichtiger Schwerpunkt. Von Krabbelkonzerten über Filmmusikprogramme bis hin zu musikalischen Schatzsuchen reicht das Angebot.
Im Schauspiel setzt die neue Saison klare gesellschaftliche Schwerpunkte. Schauspieldirektorin Barbara-David Brüesch sprach von einer «bewussten Auseinandersetzung mit aktuellen Debatten über Gewalt, Macht und gesellschaftliche Umbrüche». Eröffnet wird die Saison mit Georg Büchners «Woyzeck». Das Stück thematisiert Gewalt gegen Frauen und soziale Ausgrenzung. «Es war uns ein grosses Anliegen, dieses Thema aufzugreifen», erklärte Brüesch. Besonders aussergewöhnlich dürfte die Schweizer Erstaufführung von «Der Prozess Pelicot» werden, einem dokumentarischen Theaterprojekt von Milo Rau und Servane Dècle. Das Stück basiert auf realen Gerichtsakten und beschäftigt sich mit sexualisierter Gewalt. Die Produktion wird in St. Gallen nur ein einziges Mal gezeigt – als mehrstündiges Theateroratorium mit lokalen Mitwirkenden aus Politik und Justiz. Daneben setzt das Schauspiel auf bekannte Titel wie Yasmina Rezas «Der Gott des Gemetzels» und die Romanadaption «Die Holländerinnen» oder Cervantes «Don Quijote» bei den Festspielen. Auch regionale Themenfinden Platz im Spielplan. Mit «Die Bäume – ein spätes Requiem»entsteht eine neue Produktion über die massive Abholzung von Hochstammobstbäumen in der Ostschweiz zwischen 1950 und 1975.
Die Opernsaison startet mit Offenbachs «Hoffmanns Erzählungen».Es folgen Rossinis «La Cenerentola», Carlisle Floyds amerikanische Oper «Susannah» sowie Händels«Alcina».Ein Höhepunkt dürfte ausserdem das Musical «Jekyll & Hyde» von Frank Wildhorn werden, das erstmals in der Schweiz gezeigt wird. Für die St. Galler Produktion entsteht sogar eine neue Orchestrierung, eigens angepasst an das hauseigene Sinfonieorchester. Die Festspiele auf dem Klosterhof bringen schliesslich Verdis «Otello» auf die Bühne – ein Werk über Eifersucht, Macht und zerstörerische Emotionen.
Die Tanzsparte bleibt weiterhin international geprägt. Tanzdirektor Frank Fannar Pedersen verwies darauf, dass die Compagnie Künstlerinnen und Künstler aus zahlreichen Nationen vereine. «Der Tanz lebt von Internationalität», sagte er. Die neue Saison umfasst Produktionen zwischen Contemporary Dance, Flamenco-Einflüssen und filmischen Experimenten. Gleichzeitig setzt die Sparte ihre erfolgreiche Tourneetätigkeit fort und repräsentiert St. Gallen zunehmend auch international.
Die Präsentation der Saison 2026/27 zeigte deutlich, vor welchem Spagat zwischen Kunst und finanzieller Machbarkeit Konzert und Theater St. Gallen derzeit steht. Oder, wie Bogen es formulierte: «Die kommende Saison ist nicht nur ein künstlerischer, sondern auch ein finanzieller Grenzgang».
Weitere Informationen
www.konzertundtheater.ch
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