Roman Höhener, Olga Mühlethaler und Melanie Muschal.
03.06.2026 14:37
Arbeitsplatz als Klassenzimmer
Für ein Kreuzlinger Unternehmen änderte das Förderprogramm «einfach besser» vieles im Arbeitsalltag
Bei Magnolia Homes in Kreuzlingen wird Deutsch dort gelernt, wo die Sprache im Alltag gebraucht wird: zwischen Putzmitteln, Bettwäsche und Arbeitsplänen. Im Rahmen des Bundesprogramms «Einfach besser» fördert die Sprachschule Conectico Grundkompetenzen direkt im Betrieb.
Kreuzlingen Im «Hauptquartier» von Magnolia Homes in Kreuzlingen hängen an den Schränken kleine Zettel. Darauf steht, was sich dahinter verbirgt: Putzmittel, Lappen, Staubsaugerzubehör, Bettwäsche. Es sind unscheinbare Wörter auf Papier. Und doch erzählen sie viel über ein Projekt, das nicht im Schulzimmer beginnt, sondern mitten im Arbeitsalltag. Hier wird Deutsch nicht anhand von Lehrbuchdialogen gelernt. Niemand übt, wie man ein Zugticket löst oder sich am Flughafen verständigt. Gelernt wird, was im Job zählt. Im Fall von Magnolia Homes: Wie heisst dieses Putzmittel? Wo liegen die Bettlaken? Was bedeutet «lüften»? Wie melde ich, dass etwas fehlt?
Der Alltag wird zum Klassenzimmer. Genau das ist die Idee des Bundesprogramms «einfach besser». Es fördert die Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben und Kommunikation direkt am Arbeitsplatz in Zusammenarbeit mit rund 150 Sprachschulen schweizweit.. Die Sprachschulen kommen dafür nicht nur mit Unterlagen, sondern mit einem Blick für den Betrieb in die Unternehmen hinein. Sie holen die Sprache dorthin, wo sie gebraucht wird. Bei der Branche gibt es keine Einschränkung. «Und das macht es auch für uns interessant», sagt Olga Mühlethaler, Geschäftsführerin von der Sprachschule Conectico in Kreuzlingen, die das Programm bei Magnolia Homes begleitet. «Ob Reinigungsunternehmen, Baufirma oder Produktionsbetrieb. Der Lehrplan wird je nach Bedürfnisse angepasst. Man lernt selbst viel dabei.»
Inhaber Roman Höhener und Geschäftsleiterin Melanie Muschal wurden von Olga Mühlethaler auf das Programm des Bundes Aufmerksam gemacht. Der Weg zum Projekt führte über eine Einladung zu einem Informationsabend. Im Rahmen von «Einfach besser» wurden Unternehmen gesucht. Werden die niederschwelligen Anforderungen erfüllt, übernimmt der Bund die Kosten für einen rund 20-tätigen Kurs im Betrieb. «Sprachkompetenz ist in unserer Branche ein Thema», sagt Roman Höhener.
Gerade in einem Arbeitsfeld, in dem viele Mitarbeitende im unteren Lohnsegment tätig seien, werde Weiterbildung oft hintangestellt. Nicht, weil die Menschen nicht lernen wollten, sondern weil anderes zuerst komme: Arbeit, Einkommen, Familie, das Ankommen in einem neuen Land. «Dann steht Sprache oft an letzter Stelle», sagt er.
Digitaler Übersetzer mit Mängeln
Schon ein einfacher Satz kann entscheidend sein. Wenn diese Anweisung nicht richtig verstanden wird, bleibt sie wirkungslos. Wenn eine Rückmeldung nicht ankommt, entsteht Unsicherheit. Und manchmal zeigen sich die Grenzen digitaler Hilfsmittel auf unfreiwillig komische Weise. Roman Höhener erzählt von einer Situation, in der eine eigentlich einfache Mitteilung per Übersetzungsprogramm an eine Mitarbeiterin plötzlich völlig schief herauskam. Die Antwort per Whatsapp lautete sinngemäss: «Ja, ich werfe den Schlüpfer aus dem Fenster und schenke dir Blumen.» Am Tisch wird gelacht. Doch hinter dem Lacher steckt ein ernstes Thema: Eine App kann im Moment helfen, aber sie ersetzt keine gemeinsame Sprache. Für Olga Mühlethaler ist wichtig, dass das Projekt nicht an Bürokratie scheitert. Die wohl grösste Hürde für einen Betrieb, sich am Programm zu beteiligen ist der administrative Aufwand. «Olga hat alle Formulare vorbereitet und den Prozess begleitet. So blieb der Einstieg machbar», erzählt Melanie Muschal.
Für Magnolia Homes soll der Kurs kein einmaliger Impuls bleiben. Roman Höhener spricht von einem Start und nicht von einem Abschluss. «Das Förderprogramm ist ein sensationeller Einstieg», sagt er. «Aber danach darf es nicht einfach aufhören.» Unabhängig vom Förderprogramm besucht ein Teil der Teilnehmerinnen weiter die Sprachschule.
«Sprache eröffnet Perspektiven. Wer besser Deutsch spricht, kann mehr Verantwortung übernehmen, vielleicht ein fixes Pensum ausbauen oder später eine Teamleitungsfunktion übernehmen», so Roman Höhener. «Das ist kein soziales Projekt für uns», sagt er. «Es ist gut für die Unternehmen.»
Desirée Müller