Pascal Singh will nicht der «Chef» des Dorf-Chats sein, es soll eine Eigendynamik entstehen.
mul
16.04.2026 00:00
«Dorfalarm» in Engwilen
Das halbe Dorf engagiert sich nach dem «Millionen-Raub» für mehr Sicherheit in der Gemeinde
Verdächtige Beobachtungen haben in Engwilen eine Dynamik ausgelöst. Pascal Singh rief den Dorf-Chat ins Leben und half zu zur Aufklärung des Millionen-Diebs.
Engwilen «Einige fragten sich, müssen sie jetzt ihre Baseballschläger aus dem Keller holen oder gar Pistolen besorgen?», sagt Pascal Singh. Halb lächelnd, halb ernst. «Im Nachhinein stellten wir uns schon die Frage, ob es vernünftig war, den Späher zu fotografieren.» Aber von Anfang an. Am 23. März beobachtete seine Frau Loredana Singh, wie ein vermummter Mann durchs Quartier schlich. «Es war offensichtlich, dass er Fotos machte und filmte.» Er habe immer wieder angehalten und wahrscheinlich die Aufnahmen verschickt. Aus Reflex ging sie nach Draussen und fotografierte ihn heimlich von der Seite. Was passiert wäre, wenn er sie dabei entdeckt hätte, wollen sich die beiden nicht ausmalen. «Ich dachte immer, wir leben hier in einer «sicheren» Blase. Für Einbrecher ist Engwilen eigentlich nicht attraktiv», so Pascal Singh. «Dass die Seeregion mit der guten Verkehrsanbindung prädestiniert ist, war klar, doch wir fühlten uns hier sicher.» So schnell schaffe es keiner auf den Hügel und wieder runter, ohne gesehen zu werden. Trotzdem häuften sich in der Vergangenheit Diebstähle aus Autos. Auch wurden verdächtige Personen «weggescheucht» von Anliegern. «Doch da es bislang keine Kommunikationsmöglichkeit zwischen den Bürgerinnen und Bürgern gab, blieben solche Beobachtungen eben ungesagt», so Pascal Singh.
Millionen-Diebstahl
Pascal Singh’s Ehefrau meldete die Beobachtung der Polizei und schickte ihnen auch das Foto zu. Am gleichen Abend gestaltete er einen Flyer und verteilte ihn im ganzen Dorf. Über einen QR-Code lud er zu einer Whatsapp-Gruppe ein und forderte die Mitglieder auf, Auffälligkeiten künftig darin zu posten. Trotz seinen Anstrengungen kam es in derselben Nacht auf Samstag zum Vorfall, der schweizweit in den Medien publiziert wurde. Mehrere Luxusautos wurden aus einer Garage in Engwilen gestohlen und es wurden Einbrüche sowie Diebstähle von Autokennzeichen und Autoschlüsseln in Matzingen, Wäldi und Hagenwil gemeldet. Durch die schnelle Reaktion der Polizei – und vielleicht auch durch die Mithilfe der Engwilerinnen und Engwiler - konnten die Autodiebe und die Autodiebin am frühen Samstagmorgen in Frauenfeld gestellt werden. Gefälschte Nummernschilder auf den gemeldeten Fahrzeugen, liessen sie laut der Kapo Thurgau auffliegen. Die Frau (31) und die beiden Männer im Alter von 24 und 43 Jahren aus Frankreich wurden festgenommen und inhaftiert.
Dynamik nahm seinen Lauf
Innert zwei Tage traten der Gruppe schon 68 Leute bei. «In Engwilen gibt es etwas über 100 Wohneinheiten», so der Initiant. Somit ist mehr als das halbe Dorf bereits aktiv. Ziel sei es, dass auch Einladungen zu Quartierfeste oder sonstiger von allgemeinem Interesse gepostet wird. Für Pascal Singh steht fest: Der Dorfchat ist mehr als eine kurzfristige Reaktion. «Das ist aus einer Notsituation entstanden, aber es kann langfristig etwas Gutes werden.»
Markierungen sorgen für Unruhe und Ärgernis
Eine erschreckende Meldung erreichte die Gruppenteilnehmer dann vor ein paar Tagen. «Es wurden mehrere Garageneinfahrten mit Tannenzapfen markiert. Der Alarm war natürlich gross. Man fragte sich, was diese zu bedeuten haben und es kam grosse Unruhe auf.» Doch es konnte Entwarnung gegeben werden: «Zwei Jugendliche haben einen Streich gespielt. Sie erfuhren, dass die Einwohnerinnen und Einwohner aktuell auch auf kleine Hinweise achten und dachten es sei lustig, uns hinters Licht zu führen.» Ihre Mutter habe sich über den Chat gemeldet und Klarheit geschaffen. «Ich finde es mutig von ihr, dass sie die Situation aufgelöst hat», so Singh. Mehrere Leute verliessen daraufhin den Chat, verärgert über die vermeintliche «Panikmacherei». Doch Pascal Singh versucht das Positive in dem Scherz mit Folgen zu sehen: «Wir wissen jetzt, dass der Chat funktioniert. Sollte wieder mal etwas Verdächtiges gesichtet werden, werden es in Kürze alle wissen.» Der Buschfunk klappe somit perfekt.
Polizei lobt Initiative und warnt zeitgleich
Auf Anfrage äussert sich die Kantonspolizei Thurgau zu dem Engagement der Engwilerinnen und Engwiler: «Aus unserer Sicht spricht nichts gegen den Dorfchat Engwilen oder ähnliche Chats», so Mediensprecher Daniel Meili. Es sei aber entscheidend, dass verdächtige Feststellungen und Hinweise nicht nur im Chat verbreitet, sondern über die Notfallnummer 117 gemeldet werden. «Und ganz allgemein zum Thema Zivilcourage: Wir begrüssen das grundsätzlich, rufen aber dazu auf, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen.»
Von Desirée Müller