Mittels altersgerechten Materialien werden die Kinder spielerisch an das Geschehene herangeführt.
10.09.2026 11:02
Erlebtes spielerisch verarbeiten
Die Pilotphase von «Kinderansprachen bei häuslicher Gewalt» sind abgeschlossen und im Budget verankert
Nach einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt richtet sich der Blick zunächst auf die Erwachsenen. Doch was ist mit den Kindern, die alles gehört, gesehen oder zumindest gespürt haben? Fachspezialistin Flurina Gschwend und ihre Kollegin Michelle Hashimi besuchen betroffene Familien nach dem Polizeieinsatz. Aus einem Pilotprojekt wird nun eine feste Aufgabe.
Region Die Polizei ist wieder weg, doch für das Kind ist der Einsatz nicht einfach vorbei. «Nur weil ein Kind geschlafen hat oder nicht im selben Zimmer war, heisst das nicht, dass es nichts mitbekommen hat», sagt Flurina Gschwend. Die Sozialarbeiterin arbeitet bei der Fachstelle Kinderansprache der Kantonspolizei Thurgau – für sie ein Herzensthema. Nach Interventionen wegen häuslicher Gewalt nimmt das Team möglichst innerhalb von 72 Stunden Kontakt mit der Familie auf.
Keine Befragung, sondern
Zuhören
Flurina Gschwend erklärt ihre Rolle und weshalb sie da ist. Es geht weder um eine polizeiliche Befragung noch um eine Abklärung der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. «Die Kinder erzählen das, was sie erzählen möchten.» Manchmal viel, manchmal wenig. Beides ist in Ordnung.
Meist finden zwei bis vier Kontakte statt. Je nach Alter wird gesprochen, gespielt, gezeichnet oder mit Büchern und selbst entwickeltem Material gearbeitet. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, was genau passiert ist, sondern: Wie geht es dem Kind jetzt? Was macht ihm Angst? Was hilft ihm? Wo fühlt es sich sicher?
«Du bist nicht schuld»
Eine Botschaft ist dabei besonders wichtig: Das Kind trägt keine Verantwortung für den Konflikt der Erwachsenen. Denn Kinder versuchen sich Erlebtes selbst zu erklären. Vielleicht war ich zu laut. Vielleicht habe ich etwas falsch gemacht. Vielleicht wäre es sonst nicht eskaliert.
Gleichzeitig geraten Kinder schnell in einen Loyalitätskonflikt. Sie können den Vater lieben und trotzdem Angst vor ihm haben. Sie können die Mutter beschützen wollen und gleichzeitig wütend auf sie sein. «Ein Kind darf Mami und Papi weiterhin gernhaben», sagt Gschwend. Klar sei aber auch: Gewalt ist nicht in Ordnung. Die Gewalt werde deshalb deutlich benannt, ohne einen Elternteil vor dem Kind als Menschen abzuwerten.
Was hilft, wenn die Angst kommt?
Mit jüngeren Kindern arbeitet das Team spielerisch. In einem Ressourcenbüchlein oder bei einer kleinen «Schatzsuche» geht es etwa darum herauszufinden: Was kann ich gut? Wer hilft mir? Was tut mir gut, wenn ich traurig oder wütend bin? Manchmal entsteht daraus ein Notfallplan. Eine Grossmutter, eine Lehrperson, eine andere Vertrauensperson oder eine Telefonnummer, an die sich das Kind wenden kann. Ziel sei, wieder etwas Handlungsmöglichkeiten zu schaffen. «Wir können nicht ungeschehen machen, was passiert ist», sagt Gschwend. «Aber wir können schauen, was das Kind jetzt braucht.» Mit jüngeren Kindern spricht sie manchmal über gute und schlechte Geheimnisse. Ein Geburtstagsgeschenk nicht zu verraten, sei ein schönes Geheimnis. Ein Geheimnis dagegen, das sich schwer anfühlt, Angst macht oder belastet, dürfe man weitererzählen und sich Hilfe holen. Gerade solche kleinen Bilder können Kindern eine Möglichkeit geben, über Dinge zu sprechen, für die ihnen sonst die Worte fehlen. Denn Kinder können stark unter häuslicher Gewalt leiden, auch wenn sich diese nicht direkt gegen sie richtet. Sie erleben körperliche oder psychische Gewalt zwischen ihren Eltern mit – und damit oft Angst, Unsicherheit und Kontrollverlust. Manche ziehen sich zurück, andere reagieren mit Wut oder Traurigkeit. Und manche gewöhnen sich so sehr an die Situation, dass Gewalt für sie beinahe normal wird. «Streiten ist nicht grundsätzlich etwas Schlechtes», sagt Gschwend. Entscheidend sei, wie Konflikte gelöst werden. Kinder lernen von Erwachsenen. Erleben sie immer wieder, dass Streit mit Drohungen oder Gewalt endet, können sich solche Muster festsetzen.
Oft merken Kinder mehr als die Eltern denken
Auch die Arbeit mit den Eltern gehört deshalb dazu. Viele seien überrascht, wie viel ihre Kinder mitbekommen hätten. Manche glaubten, das Kind habe geschlafen. Andere seien selbst so stark belastet, dass sie die Not ihres Kindes kaum wahrnehmen konnten. Die Reaktionen auf das Angebot seien überwiegend positiv. Ablehnungen gebe es wenige. Im vergangenen Jahr wurden bereits rund 220 Gespräche in 70 Familien geführt. Die Kinderansprache ist dabei bewusst als Kurzintervention gedacht. Zeigt sich, dass ein Kind oder eine Familie mehr Unterstützung braucht, wird an geeignete Fachstellen weitervermittelt.
Noch können nicht alle Altersgruppen gleich intensiv erreicht werden. Gerade bei sehr kleinen Kindern braucht es andere Methoden und entsprechende personelle Ressourcen. Langfristig wäre das Ziel, alle betroffenen Kinder vom Kleinkindalter bis zur Volljährigkeit besser erreichen zu können.
Lehrpersonen: hinschauen
Eine wichtige Rolle spielt für Gschwend die Schule. Für ein Kind, das zu Hause Unsicherheit erlebt, könne sie zu einem sicheren Ort werden. Lehrpersonen merken mitunter als Erste, wenn sich ein Kind verändert, auffällig still oder aggressiv wird oder etwas andeutet. Dann sei es wichtig hinzuschauen – aber nicht selbst Ermittlungen anzustellen. Aussagen sollten ernst genommen und das weitere Vorgehen mit Fachpersonen abgesprochen werden. «Kinder sind auf Erwachsene angewiesen», sagt Gschwend. Es sind solche Momente, die Gschwend in Erinnerung bleiben: wenn ein Kind sagt, es habe zum ersten Mal mit jemandem darüber gesprochen und nun fühle es sich etwas leichter. Die Fachstelle kann nicht ungeschehen machen, was zu Hause passiert ist. Sie kann auch nicht jedes Problem in wenigen Gesprächen lösen. Aber sie sorgt dafür, dass nach einem Polizeieinsatz nicht nur die Erwachsenen im Mittelpunkt stehen. Sondern auch jene, die häufig still danebenstehen: die Kinder.
Von Desirée Müller