Zusammen Lösungen erarbeiten statt nur auswendig zu lernen - der Ansatz vom Lehrplan 21. Adobe Stock
29.01.2026 13:00
Lehrplan 21: Zu wenig Raum für die Schule von heute
Nicht nur in Mammern ein Problem: Teurer Schulraum als Notwendigkeit. Doch das Volk kann noch entscheiden
Nach dem Nein zur Schulraumerweiterung in Mammern rückt eine Frage ins Zentrum, die viele Thurgauer Gemeinden beschäftigt: Welchen Raum braucht zeitgemässer Unterricht heute und morgen? Nach dem ersten kantonalen Leitfaden zum Vorgehen bei Bauprojekten erscheint im Februar ein zweiter, der Schulraumplanung und Pädagogik miteinander verbindet.
Thurgau Rund 6,4 Millionen Franken wollte die Gemeinde Mammern in die Erweiterung und Sanierung ihrer Schule investieren. Mehr Platz für Unterricht, bessere Nutzung bestehender Räume und eine zukunftsfähige Infrastruktur waren die Ziele. Doch die Stimmbevölkerung lehnte das Projekt ab. Damit steht die Schule weiterhin vor denselben Platzfragen wie zuvor, nur ohne konkreten Ausbauplan. Der Entscheid ist kein Einzelfall, sondern ein Beispiel für eine Entwicklung, die derzeit viele Schulgemeinden im Kanton Thurgau beschäftigt.
Schulraum wird zur strategischen Zukunftsfrage
Mit dem neuen kantonalen Leitfaden «Raum und Pädagogik», der im Februar 2026 veröffentlicht wird, rückt die Verbindung zwischen Lehren, Lernen und Schulraum stärker in den Fokus. Ziel ist es, beim Planen der Schulhäuser nicht nur den Flächenbedarf zu berücksichtigen, sondern auch, wie Lernen konkret stattfindet. Dass diese Fragen hochaktuell sind, zeigt die Abstimmung in Mammern: Dort lehnte die Bevölkerung kürzlich ein millionenschweres Schulbauprojekt ab. Die Gemeinde steht nun vor der Herausforderung, wie Unterricht unter den bestehenden Platzverhältnissen weiterentwickelt werden soll. Mammern ist damit kein Einzelfall. Schule ist heute nicht mehr so wie vor zwanzig oder dreissig Jahren. Unterricht findet nicht nur frontal statt, sondern in vielfältigen Formen: in Gruppen, projekthaft, in selbstständigen Phasen. Die Kompetenzorientierung ist zentral im Lehrplan 21. Damit wird die Art und Weise, wie Räume genutzt werden, mitentscheidend für gute Lernbedingungen.
Was früher oft als Bauprojekt betrachtet wurde, ist heute Teil einer langfristigen Gemeindestrategie. Steigende Schülerzahlen, neue Wohngebiete und veränderte Unterrichtsformen verändern den Bedarf an Schulraum laufend. Klassenzimmer allein reichen vielerorts nicht mehr aus. Gefragt sind flexible Räume für Gruppenarbeiten, Projektunterricht und individuelle Lernphasen.
Vorausdenken
Der Kanton reagiert darauf mit neuen Grundlagen zur Schulraumplanung. Doch schon heute ist klar: es bleibt bewusst Spielraum. Schulen sollen sich unterschiedlich entwickeln können, angepasst an ihre Grösse, ihr Umfeld und ihr pädagogisches Profil. Ein Kernanliegen der kantonalen Empfehlungen ist die langfristige Perspektive. Gemeinden sollen frühzeitig abschätzen, wie sich Schülerzahlen entwickeln und wo künftig zusätzlicher Raum nötig wird. Statt erst zu handeln, wenn es eng wird, sollen verschiedene Zukunftsszenarien vorbereitet werden. Kurzfristige Lösungen wie Provisorien können helfen, Engpässe zu überbrücken, gelten aber nicht als nachhaltiger Weg. Wer zu spät plant, landet oft bei teuren Übergangslösungen und eingeschränkten Möglichkeiten im Schulalltag. Hinzu kommt der lange Planungshorizont von Schulbauten. Zwischen ersten Abklärungen und der Fertigstellung vergehen häufig mehrere Jahre. Frühzeitige Planung ist deshalb entscheidend – ebenso wie die Einbindung der Bevölkerung. Transparente Information und Mitsprache sollen Vertrauen schaffen und Konflikte entschärfen.
Mammern steht nicht allein
Der Entscheid in Mammern zeigt, wie anspruchsvoll Schulraumfragen geworden sind. Einerseits besteht der Wunsch nach zeitgemässem Unterricht und guten Lernbedingungen, andererseits stehen hohe Investitionen und finanzielle Sorgen im Raum. Viele Gemeinden befinden sich in ähnlichen Situationen. Sie müssen abwägen zwischen pädagogischen Anforderungen, demografischer Entwicklung und finanzieller Tragbarkeit. Die kantonalen Leitfäden sollen dabei Orientierung bieten, ohne starre Lösungen vorzugeben. Klar ist: Schulraum entscheidet heute mit darüber, wie Unterricht gestaltet werden kann. Die Abstimmung in Mammern macht sichtbar, dass es dabei nicht mehr um Gebäude geht, sondern um die Schule von morgen.
Von Desirée Müller