Schauspieler und Schriftsteller Hans-Ruedi Binswanger * 30. Juni 1952 in Kreuzlingen; † 29. März 2022 in Münsterlingen. Bild: Urs Oskar Keller
13.04.2022 14:54
Nachruf auf Hans-Ruedi Binswanger: Ein Mann direkter Worte – und Taten
«Denn was heisst Sterben anderes, als nackt im Wind zu stehen und in der Sonne zu schmelzen»
Seine Karriere war eng mit Kreuzlingen und Konstanz verbunden: Am Stadttheater Konstanz und am von ihm mitgegründeten See-Burgtheater war Hans-Ruedi Binswanger beliebt. Nun ist er gestorben.
Kreuzlingen In den letzten Jahren hat man ihn nicht mehr oft gesehen – wohl aber vermisst. Bereits am 29. März kam die traurige Nachricht: Der Schauspieler Hans-Ruedi Binswanger, erst 69 Jahre alt, ist gestorben.
Hans-Ruedi Binswanger wurde am 30. Juni 1952 als Sohn von Wolfgang Binswanger (1914 bis 1993), Psychiater und Direktor des Nobelsanatoriums «Bellevue» und dessen Frau Gertrud Binswanger, geborene Wegmann (1923 bis 2007), geboren. Seine Beziehung zu seiner Mutter blieb sein ganzes Leben über sehr eng. Binswanger wuchs mit vier Geschwistern in der einst weltberühmten Privatklinik an der Hauptstrasse in Kreuzlingen auf. Der Betrieb wurde 1980 geschlossen.
«Ich kenne Hans-Ruedi seit meiner Jugend. Wir wohnten gleich neben dem Sanatorium Bellevue. Bei den wenigen Treffen in den letzten Jahren begann unser Gespräch fast immer gleich: Mit der Erinnerung, dass wir mit den teuren Billardkugeln im Klinikpark Boccia oder ‹Versteckis› gespielt haben. Bis dann ein meist verzweifelter Krankenpfleger uns die Kugeln wieder wegnahm», erinnert sich Max Wicker, Präsident des Schwimm-Club Kreuzlingen.
Bekenntnis an seine Heimat
Der Dichter Robert Walser war 20, als er dieses kleine Gedicht schrieb: «Ich mache meinen Gang; der führt ein Stückchen weit und heim; dann ohne Klang und Wort bin ich beiseit.» Es entwickelt sich aus dem unscheinbaren Wort «Beiseit» in nur vier Versen ein ganzes Leben: Das Gedicht mutet wie ein Vorausahnen oder Vorwegnehmen seines Lebens und passt auch zum Schauspieler und Schriftsteller Hans-Ruedi Binswanger. Wo hat dieses «Beiseit» ihn nicht überall hingeführt von Kreuzlingen aus, wo er zur Welt gekommen ist? Keine lange Liste, eher ein Bekenntnis an seine Heimat am Bodensee. Er wohnte in Trogen und Essen, New York und Tübingen, in Tägerwilen, Konstanz und in Landschlacht, oft als einzelgängerischer Stadtnomade. «Er liebte diese Region», erzählt seine Schwester Christine, Architektin in Basel. Bis er schliesslich fürs letzte Drittel seines Lebens zu einer Art Ruhe gefunden hat: Zuerst in einem Reihenhäuschen in Landschlacht, und auch hin und wieder – und längst davor ist er als Schauspieler und Dichter verstummt – in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Dass er dort immer wieder mal zu Gast war, kann man in seiner 1999 erschienen Erzählung «Anna Frommann» nachlesen (er veröffentlichte drei Bücher). In den dortigen Räumen malte und schrieb er und war auch in gesunden Zeiten ein regelmässiger Gast und Gesprächspartner von vielen Atelierbesucherinnen und -besuchern.
«Vor einigen Monaten haben wir uns zufällig in Landschlacht getroffen und Hans-Ruedi zeigte mir sein Zuhause, ein eigentliches Refugium, reduziert auf das Wesentliche, mit Erinnerungen an seine Familie und Freunde, dazu eine Blume und Aufgefundenes, die seine Liebe zu Momenten dokumentierten», erzählt der Kunsttherapeut Thomas Meng, der in Bottighofen lebt.
Jetzt wollte er seinen Frieden
«Er war sehr gebildet, schwer zugänglich und ich empfand ihn auch in seiner Krankheit als starken Menschen. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass er jetzt seinen Frieden wollte. In unseren Erinnerungen bleibt er gegenwärtig», sagt Ruth Witzig aus Kreuzlingen. Hanspeter Spörri aus Teufen besuchte mit Ruedi die Kantonsschule in Trogen in Appenzell Ausserrhoden. «Hans-Ruedi war hochbegabt. Seine Bücher waren schwer zu verstehen und mit seinen Texten hatte er wenig Erfolg. Er kam auch nicht mehr an unsere Klassentreffen». Nach der Maturität studierte Binswanger an der bekannten Folkwang Universität der Künste im deutschen Essen Schauspiel. Kurze Zeit nahm er auch Schauspielunterricht am Lee Strasberg Theatre & Film Institute in New York.
Binswanger war von etwa 1980 bis 1993 am Stadttheater Konstanz unter den Intendanten Hans J. Am- mann und Ulrich Khuon engagiert (Ti- telrollen in Max Frischs «Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie».) In Erinnerung bleibt auch «Warten auf Go- dot». Eine grosse Rolle hatte er auch in «Kabale und Liebe» (er spielte den Ferdinand).
Kompliziert, misstrauisch
und liebenswert
«Hans-Ruedi Binswanger war ein feiner, komplizierter, misstrauischer und äusserst liebenswerter Mensch. Das habe ich Anfang der achtziger Jahre, als wir einander auf der Konstanzer Bühne begegneten, nicht auf einen Schlag erfasst. Sondern nur zögerlich, hintereinander, ungefähr in der genannten Reihenfolge. Denn auch ich war misstrauisch und kompliziert. Und so wurde unsere erste gemeinsame Arbeit ein Desaster. Es verband uns aber auch eine gewisse Hartnäckigkeit. Wir haben uns nicht in Ruhe gelassen und deshalb in Ödön von Horvaths ‹Bergbahn› zueinander gefunden, weil wir beschlossen uns zu vertrauen, wortlos. Ruedi hat mit seiner zärtlichen Verstocktheit und seiner suchenden Traumverlorenheit mein Herz gerührt. Diese Berührtheit ist geblieben, auch als wir uns voneinander entfernten», erinnert sich Ulrich Khuon. Er war ab 1980 Chefdramaturg und von 1988 bis 1993 Intendant des Stadttheaters Konstanz. Seit 2009 leitet Khuon das Deutsche Theater Berlin. «Er war Spross einer der kulturhistorisch bedeutenden Familien unserer Region. Hans-Ruedi Binswanger lebte mit der grossen Geschichte seiner Familie, er litt aber auch an der Last der Erinnerung. Dieses Spannungsfeld hat ihn zum Schauspielerberuf besonders sensibilisiert», meint Dr. Tobias Engelsing, Direktor der städtischen Museen Konstanz und früherer «Südkurier»-Redakteur, der Binswanger aus seiner Zeit am Stadttheater Konstanz kannte.
«Hans-Ruedi Binswanger konnte sehr witzig sein, aber auch ungemütlich werden...»
Achim Eickhoff, Inspizient und Regieassistent von 1982 bis 1987 am Stadttheater, erinnert sich: «Ruedi war ein fantasievoller Geschichtenerzähler und sowohl auf als auch hinter der Bühne für jeden Schabernack zu haben. Er hatte einen unglaublichen Humor und hat sich eine geradezu kindliche Betrachtung der Welt immer bewahren können. Das hat ihn und sein künstlerisches Schaffen stets begleitet. Sein Tod macht mich sehr traurig. Mir fällt dazu der erste Satz aus Schillers ‹Don Carlos› ein, in dem Ruedi damals die Titelrolle spielte und ich Regieassistent war: ‹Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende›. Für Ruedi auch.»
Gründung des See-Burgtheaters
1990 gründeten Hans-Ruedi Binswanger gemeinsam mit seinem Kollegen Gregor Vogel, der auch zum festen Ensemble des Stadttheaters Konstanz gehörte, das See-Burgtheater. Bei der Gründung waren auch Leopold Huber (Dramaturg) und die Schauspielerin Astrid Keller dabei. Drei Jahre später wechselte Vogel mit Intendant Ulrich Khuon ans Schauspielhaus Hannover. «Hans-Ruedi blieb bis 1998 dem See-Burgtheater als Schauspieler verbunden. Danach hat er sich vom Theater zurückgezogen und zu schreiben begonnen», erinnert sich Astrid Keller, die seit 1995 mit ihrem Mann Leopold Huber das See-Burgtheater mit viel Erfolg leitet. Der gelernte Schauspieler war kein Akademiker im Elfenbeinturm. Er stand früher viel auf der Bühne oder sass ein halbes Leben lang stundenlang am Schreibtisch, eingemauert von Büchern. Mit seinem Roman «Heimat oder wo das Herz brennt» gastierte er 2005 auch im Stadttheater Konstanz. «Seine schriftstellerischen Arbeiten haben ihm sehr geholfen, mit seiner Situation umgehen zu lernen. Ich weiss noch gut wie glücklich er dabei war, schreiben zu können», erzählt Astrid Keller.
«Eine gewisse Strenge, eine Spur Unnachgiebigkeit und ein Hauch von Unnahbarkeit gehörten genauso zu diesem Schauspieler wie sein Unterhaltungstalent und seine Spontaneität.»
«Ruedi Binswanger war eines meiner Vorbilder in meiner Teenagerzeit. Er ist vor mir Schauspieler geworden, war am Stadttheater Konstanz engagiert, wo ich zwei Jahre später auch Ensemblemitglied war. Und auf dem Bellevue-Gelände befand sich ja unser ‹True›-Probenraum in der Kegelbahn des Sanatoriums, da sind wir uns auch immer wieder begegnet», erinnert sich Ruedi Haas. Heute ist er Produktionsleiter des Märlitheaters Zürich. Otto Egloff junior, Rechtsanwalt in Tägerwilen: «Er war ab und an Gast bei meinen Eltern in Tägerwilen und auch ich habe mich mit ihm unterhalten. Berührt haben mich die «Familieninternas» aus dem Sanatorium – was für ein Rucksack wurde da getragen!».
Eine Jugend in der Psychiatrie
«Ich weiss, dass ich mit ihm eine Jugend in der Psychiatrie teile, die sehr prägend und teils traumatisierend war. In Variationen hat das Joachim Meyerhoff sehr schön in ‹Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war› erzählt. Ich habe von Hans-Ruedi ‹Anna Frommann›, wo mein Vater ja auch einen kurzen Auftritt hat, und ‹Valentin, oder, sag nichts Schlechtes über Grossvater› gelesen», berichtet der Kunstmaler und Fotografen Matthias Holländer, der in Allensbach lebt. Sein Vater war als Psychiater im renommierten Sanatorium Bellevue tätig. «Denn was heisst Sterben anderes, als nackt im Wind zu stehen und in der Sonne zu schmelzen!» Dieser Spruch von Khalil Gibran hat die Trauerfamilie für die Traueranzeige für Hans-Ruedi Binswanger ausgewählt. «Er hat sich entschieden, diesen Weg nun zu gehen», heisst es weiter. Auf den Friedhof wollte er explizit nicht, und auch keine öffentliche Trauerfeier. «Wir verabschieden uns in kleinem Kreise von Ruedi, wie er es sich gewünscht hat», schreiben seine Angehörigen. Schauspielerin Astrid Keller: «Früher ist er viel rumgewirbelt mit seinem Citroën 2CV ‹Deux chevaux› und sehr oft stand er einfach da in unserer Küche und hat unseren Tisch bereichert mit seinen vielen Geschichten.»
Danke, Hans-Ruedi, für alles. Du fehlst.
Text und Bilder: Urs Oskar Keller