Jyoti Guptara in seiner Heimat Weinfelden.
29.10.2026 00:00
Jyoti Guptara: Vom Bestseller Wunderkind zum Markenflüsterer
Der Weinfelder ist weltweit als Storytelling-Experte unterwegs und verhilft Konzernen und Organisationen Geschichten statt Fakten zu erzählen
Mit elf erfand der Weinfelder Jyoti Guptara Fantasieweltenund wurde so zum BestsellerAutor. Heute hilft er Konzernen, Organisationen und internationalen Entscheidungsträgern, ihre eigene Geschichte zu erzählen.
Weinfelden «Alle wünschen sich eine menschlichere Zukunft. Aber wie schaffen wir das?», fragt Jyoti Guptara. Und während er spricht, merkt man schnell: Er hat sich mit dieser Frage nicht nur beiläufig beschäftigt. Der 37-Jährige steht auf den grössten Bühnen der Welt, wird an internationalen Foren als Eröffnungsredner eingeladen und berät Konzerne im Storytelling. Sprich, wie kann sich ein Unternehmen durch Geschichten erlebbar machen und Menschen zum Handeln bringen. Eine Entwicklung, die so keiner erwartet hat. Von der Fantasie zur Realität Als 11-Jähriger begann er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder die Fantasy-Trilogie «Calaspia» zu schreiben. Bereits der erste Band wurde über 100'000 Mal verkauft und in vier Sprachen übersetzt. In Indien schafften es die Bücher auf Platz 2 der nationalen Bestsellerliste. Heute erzählt er Geschichten aus der realen Welt: jene von Menschen und Organisationen. Ende September eröffnete er das Global Projekt Management Forum in Saudi Arabien. «Meine Botschaft war: Grosse Veränderungsprojekte gelingen nur, wenn man die Menschen dafür gewinnt. Das gilt auch für die saudische Vision 2030. Dazu braucht es gutes Storytelling.»
2030 findet in Riad die Weltausstellung statt, 2034 folgt die Fussball WM. «Dafür werden Stadien und Infrastruktur gebaut. Das klassische Projektmanagement eben. Doch damit ist es nicht getan. Entscheidend ist, die Bevölkerung mit an Bord zu nehmen und für den Wandel zu begeistern. Ausländische Gäste wiederum können zu Botschaftern werden und ihre Eindrücke des Landes mit nach Hause nehmen». Viele «Mitspieler» also, die Teil einer gemeinsamen Geschichte werden. Ähnlich war seine Arbeit mit der UEFA im Rahmen der Fussball Europameisterschaft der Frauen, bei deren Finalanlass er ein persönliches Gespräch mit Prinz William führte. Bei einer internationalen Konferenz, an der die UEFA ihre neue Frauenfussballstrategie rund 350 Entscheidungsträgern aus Europa vorstellte, war Guptaras Storytelling-Expertise gefragt. Er unterstützte die Redner dabei, persönliche Geschichten und strategische Botschaften greifbar zu machen. «Es standen so verschiedene Menschen auf der Bühne, doch ihre Geschichten hatten einen roten Faden.»
Wenn Fakten lebendig werden
Viel zu oft würden die Zuhörenden nur so von Informationen berieselt. Starke Worte wie Konzept, Strategie oder Vision werden in Reden verwendet. Mit Zahlen und Fakten um sich geworfen. «Man muss immer bedenken, dass das Publikum nicht in all den Prozessen mit dabei war.» So richtig fiel ihm dies 2015 auf. Das Geneva Centre for Security Policy feierte sein 20-jähriges Bestehen. Es war 1995 auf Initiative des Bundes gegründet worden und arbeitet eng mit internationalen Organisationen und Akteuren aus dem UNO-Umfeld zusammen. «Damals wurde ich als Writer-in-Residence eingeladen für sechs Monate. Viele Reden waren hoch technisch, ich hatte keine Ahnung, von was sie sprachen.» Laut Jyoti alles geniale Leute, top motiviert und mit guten Visionen. Aber ihre Reden konnten die Zuhörer einfach nicht abholen. Jyoti erzählt, dass er im Anschluss mit denselben Menschen einen Kafi trank. «Und plötzlich erzählten sie Geschichten, die auch ich verstand. Weil sie menschlich waren, nicht nur faktenbasiert.» Dies war der Moment, als der damals 26-jährige Guptara verstand, wie man mit Geschichten zu Menschen durchdringen kann. Egal auf welchem Wissensstand sie sind. Er begann mit einer Taxonomie der Geschichten. Also dem Ordnen und Kategorisieren von insgesamt 28 Storytypen. Wie Werdegang, Visionen oder Werte. «Einzelne Geschichten können sich zu einer grösseren, zusammenhängenden Erzählung verbinden – einem Narrativ. Statt Ereignisse nur aufzuzählen, sorgen Figuren, Entwicklung und Spannung für einen roten Faden.» Neustes Buch Solche Workshops führt er auch mit Unternehmen und Forschungsbetrieben durch, welche höchst analytisch arbeiten. «Und ich liebe es, mit solchen Menschen zusammenzuarbeiten», sagt Jyoti und seine Augen strahlen. Er nennt als Beispiel den Schweizer Pharmakonzern Roche mit weltweit über 112'000 Mitarbeitenden. Ein höchst komplexer Bereich, bei dem Geschichten schnell verloren gehen. Doch jedes Unternehmen könne man erlebbar machen. «Es ist so schön mitanzusehen, wie sich die Analystinnen und Analysten auf unser Experiment einlassen und so immer wieder neue Wow-Momente entstehen.» Jeder Mensch und jedes Unternehmen habe spannende Geschichten zu erzählen. Passend dazu ist Anfang Oktober sein neustes Buch «Die Story entscheidet» erschienen. Darin überträgt Guptara das, was einst mit Fantasyromanen begann, konsequent in die Geschäftswelt: Wie werden aus Zahlen, Strategien und Visionen Geschichten, die bei Menschen tatsächlich hängen bleiben? Doch die Methoden lassen sich auch ausserhalb der Geschäftswelt nutzen: Ob im Beruf, im Schulzimmer oder in der Familie, jeder kann lernen, mit Geschichten mehr zu erreichen.
Geschichten für die Gesellschaft
Dann macht Jyoti eine Pause und schüttelt leicht den Kopf. «Ich möchte meine Arbeit stärker für gesellschaftliche Themen einsetzen. Geschichten prägen, wie wir unsere Zukunft sehen. Deshalb möchte ich Menschen aus verschiedenen Branchen zusammenbringen, um gemeinsam positive Zukunftsbilder zu entwickeln.» KI ist solch ein Thema, welches Guptara aus gesellschaftlicher Sicht beschäftigt. Gemeinsam mit Professor Thilo Stadelmann von der ZHAW entwickelte er ein Projekt für positive und realistische KI-Zukunftsszenarien. Ende September brachte er dafür Menschen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gen Z zusammen – darunter Eduard Heger, der ehemalige Premierminister der Slowakei. Medienproduzent David Taylor aus Tägerwilen wird daraus einen Dokumentarfilm machen. Die Ergebnisse sollen 2027 am Geneva AI Summit vorgestellt werden. «Ich sage immer: KI wird dir den Job nicht wegnehmen. Aber vielleicht jemand, der KI besser nutzt als du und seine Ideen überzeugender vermittelt. Durch Geschichten.» Mit elf hat Jyoti eine ganze Welt erfunden, die gerettet werden musste. Heute erzählt er Führungskräften, wie Geschichten Organisationen verändern können. «Machst du eigentlich seit 25 Jahren dasselbe – nur in einem anderen Umfeld?», interessiert uns. Er überlegt kurz: «Stimmt. Eigentlich schon.»
Von Desirée Müller